Abenteuerferien

Das Leben spielte sich ab im materiellen Wohlstand einer Schweiz der zweiten Jahrhunderthälfte (ab 1950). Die Vererbung sorgt für Eigenschaften, die nicht zu anderen Charakterzügen zu passen scheinen: die Vorliebe für das Abenteuer und der Freiheitsdrang. In der Jugendzeit plagte mich das Fernweh stärker als das Heimweh. „Es erwacht ein unbestimmtes Sehnen…“. Die Abenteuerferien und die Reiseserien sollen dies illustrieren:

  1. viermal Zeltlager mit den Pfadfindern
  2. drei Reisen ins kommunistische Rumänien
  3. neunmal militärischer Hilfsdienst bei der Schweizer Armee (fast wie Ferien)
  4. vier Zeltlager mit der Familie

Das Tüpfchen auf dem „i“ ist ein Reiseleiter-Einsatz in Ostafrika: „Pieter no good“.

Brennesseln-Taufe

Die Zeltlager mit dem Pfadfindertrupp Goldenberg führten mich als Primarschüler in den abgelegenen Jura (früher Kanton Bern), an den Luganersee bei Riva San Vitale, ins schöne Wallis hoch in Montana-Crans sowie auf einen Hügelzug im Kanton Schwyz. Ich genoss die Freiheit und fühlte mich im Wilden Westen, wenn ich unter dem sommerlichen Sternenhimmel einschlief, nachdem wir am Lagerfeuer die Ukulele gespielt und romantische Lieder gesungen hatten: „An den Ufern des Mexico Rivers … Und wir sind ja so glücklich und zufrieden …“. Als Brillenträger waren wir zwar keine Cowboys, wären aber gerne Westmänner à la Old Shatterhand gewesen (wenn auch nur im Sommer).

Allzeit bereit

Bereits im ersten Lager tauften mich die älteren Kameraden wegen meiner Zahnlücke auf den Namen „Chüngel“ — eine bizarre Zeremonie führte uns nachts durch ein Brennesseln-Feld und gab uns ein Suppengemisch aus Essig, Brennesseln, Zahnpasta und Zucker zu schlucken. Wir tranken vom Gebräu, fast ohne eine Miene zu verziehen. Für den Pfadfinder ist es Ehrensache, tapfer, hilfsbereit und „Allzeit bereit“ zu sein. Wie ein Indianer kann der Pfadfinder auf die Zähne beissen (Winnetou lässt grüssen). Es würde niemanden wundern, wenn der tapferste der Indianer behauptete: „mmh, das feine Gebräu!“. Der Hase (Chüngel) würde zwar eine Karottensuppe (Rüebli) bevorzugen.

Eine weitere Pfadfinder-Prüfung, der ich unterzogen wurde, war das Spezialabzeichen für Radfahrer. Der Prüfling musste unter anderem die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gangschaltungen und Bremsentypen kennen und ein Gewicht von 30 kg quer durchs Zürcher Weinland transportieren. Stolz prangte schliesslich das Abzeichen mit dem Speichenrad auf meinem Hemdärmel. Anstatt eines edlen Pferdes hatten wir immerhin ein Stahlross, auch Drahtesel genannt. Die Pfadfinderzeit in Winterthur und in den Lagern zählte zu meiner glücklichen Grundschulzeit vor dem Eintritt ins Internat.

„Kein Platz“ auf Rumänisch

Alle reisten in den Sommerferien ans Mittelmeer nach Italien, Spanien, Dalmatien oder Griechenland. Ich suchte den besonderen Kick und reiste dreimal ins kommunistische Rumänien, weil mich das Exotische interessierte. Die Trips waren nicht nur exotisch, sondern auch sackgefährlich, weil ich jeweils billiges rumänisches Geld (Lei, sprich: Lee) aus der Schweiz ins Land schmuggelte, was streng verboten war – jugendlicher Leichtsinn. Die Schweizer Banker wechselten ohne Wimpernzucken unser Geld gegen die kommunistischen Devisen, zu einem spottbilligen Kurs. Ein Schutzengel bewahrte mich beim Grenzübertritt vor einer Durchsuchung. Eine Leibesvisitation hätte zu Untersuchungshaft geführt – und dies in Rumänien mit seinem repressiven System! Das wäre ins Auge gegangen.

VW Käfer
VW Käfer

Mit dem schwarzen Volkswagen gegen Osten

Ich kannte eine Brieffreundin, die mir die besondere Gegend der Siebenbürger Sachsen (Sibiu) und die Schwarzmeerküste zeigte. Andere Teile Rumäniens schockierten mich durch die nackte Armut, die mit einer allgemeinen Unfreiheit verbunden war. Manche Rumänen staunten, dass sich ein Schweizer die Mühe nahm, ihre Sprache zu lernen. Immer noch tönt mir ein Satz aus dem Donaudelta in den Ohren: „Nu avem locui = wir haben keinen Platz mehr (auf dem Schiff)“. Der Kapitän liess uns gnadenlos in der Wildnis stehen und bequemte sich in voller Fahrt, über den Aussenlautsprecher zu orientieren dass alle Plätze belegt seien. Dafür gab es einen Service public der anderen Art. Da wir Hunger und Durst hatten, wollten wir im einzigen Laden des Fischerdorfes einkaufen. Der Laden bestand aus vielen leeren Gestellen und ein paar Gläsern mit Zwetschgenkompott, mit dem wir uns begnügten. Dummerweise gibt es im Donaudelta kein anderes Verkehrsmittel, sodass wir hungrig die einbrechende Nacht auf einem Fischkutter verbringen mussten, der am nächsten Morgen bei Nebel in Tulcea ankam. Was da alles auf dem Kutter kreucht und fleucht, nicht nur Fisch und Krebse, sondern auch Stechmücken! Zurück im Hotel waren die ersten Frühaufsteher bereits beim Morgenessen. Nach den Reisen blieb jeweils ein akutes Fernweh zurück. Viele Jahre später wollte auch meine Frau das Naturspektakel „Donaudelta“ sehen, mit dem eindrücklichen Ökosystem an der Grenze zur Ukraine (früher Sowjetunion).

Im Tagebuch vom 25.08.1971 fanden sich folgende Notizen zur dritten Rumänien-Reise: Diese Reise war teuflisch, ich glaube nur für ganz harte Männer (ha, ha, ha). In den letzten drei Tagen bin ich mit dem guten alten VW so viel gefahren wie etwa drei Mal von Zürich nach London. Vor drei Tagen bin ich in Mangalia am Schwarzen Meer gestartet, etwa zehn Kilometer von der bulgarischen Grenze. Die teuflischste Strecke war zwischen Beograd und Zagreb: 400 km topfeben, ohne Dorf dazwischen, totlangweilig. Am Morgen stand die Sonne im Osten, am Mittag im Süden, am Abend im Westen, und blendete mich, da ich immer gegen Westen fuhr. Hie und da gab es im Radio eine gute Sendung, die mir ein bisschen die Langeweile vertrieb. Gegen Abend kam ich in Venedig an. Ich suchte mir ein Hotel, musste für ein Doppelzimmer bezahlen, da kein Einzelzimmer vorhanden war, bestellte zum ersten Gang Spaghetti Bolognese, zum zweiten ein Filet. Mein Magen vertrug diese schwere Mahlzeit nicht, nach fünf Minuten habe ich alles übergeben. Heute Morgen in Venedig losgefahren, auf der Autostrada zwischen Padova und Verona: Defekt am Blinker, dem Bremslicht und der Hupe. Unterwegs kam eine Fiat-Strassenhilfe, die ich aufhalten konnte und die den Schaden in fünf Minuten reparierte. Die Strassen im kommunistischen Osten sind sehr schlecht, ich befürchtete die ganze Zeit eine Panne, aber der VW Käfer liess mich nicht im Stich. Etwa alle drei Minuten gibt es ein Pferdefuhrwerk oder einen rumänischen Fiat zu überholen. In Jugoslawien ist es schon zivilisierter, man kann immerhin die Luft in den Pneus kontrollieren lassen, und der Verkehr ist etwa so wie auf einer schweizerischen Ueberlandstrasse. Soweit das Tagebuch vom 25.08.1971.

Abhauen

In Rumänien lernte ich keinen einzigen Siebenbürger Sachsen kennen, der das kommunistische Paradies nicht verlassen und nach West-Deutschland auswandern wollte. Wie die Menschen diese Unfreiheit verkraften, interessierte mich mehr als der Sandstrand am Schwarzen Meer. Ob heute in Mediasch, Schässburg und Hermannstadt (Sibiu) noch viel Deutsch gesprochen wird? Es hat etwas Absurdes: ich suchte das Abenteuer im Osten, und die Menschen dort wollten in den Westen. Abhauen hiess die Devise. Aber sie mussten sich noch viele Jahre gedulden. 20 Jahre später ging es dem Grossen Führer (Ceaușescu) an den Kragen. Wir verfolgten am Bildschirm, wie die Rumänen jubelten. Bei den Protestmärschen waren viele Flaggen zu sehen, aus denen das kommunistische Symbol herausgeschnitten war.

Dienst am Vaterland

Im Militärdienst hatte ich einen sogenannten Schokolade-Job (Schoggi-Job) bei den EDV-Truppen, weil ich einmal mehr von meinen Informatik-Kenntnissen profitierte. EDV = Elektronische Datenverarbeitung. Wir waren ein kleines Team, das viel arbeitete, aber auch seinen Spass hatte. Kameradschaft, Kritikfähigkeit und Humor begleiteten uns tagtäglich; wenn wir vor dem Bildschirm sitzend auf die Sanduhr starrten, wurde der PC in unserer Fantasie zum „lahmen Krüppel“ und unser selbst gestricktes dBase-Programm in unseren bescheidenen Kommentaren zu einem „Geschwür“. Die Programmier-Arbeit für einen Kommandoposten hing völlig von unserer Privatinitiative ab, wir bemühten uns einfach, die obligatorischen Wochen irgendwie sinnvoll auszufüllen. Dabei konnten wir uns immer gegenseitig motivieren.

Herbst um Herbst rückten wir ein ins Bündnerland mit den gelben Lärchen und dem stahlblauen Himmel oberhalb der Nebelgrenze. Im grauen Dienstbüchlein der Schweizer Armee sind keine Wiederholungskurse eingetragen, sondern alljährliche „EDV-Arbeiten“. Die Expertentätigkeit war für uns eine willkommene Abwechslung vom Alltag – ohne Waffe und ohne Drill.

Das Küchendach brennt!

Der Pfarrer der Pfarrei Kloten und seine Helfer organisierten in den sommerlichen Schulferien jeweils ein tolles Zeltlager für Familien, mit allem Drum und Dran: perfekte Feldküche, Gemeinschaftszelt, abenteuerliche Waschgelegenheiten, Latrinen à la Pfadilager; meist in einer atemberaubenden Umgebung wie z.B. im Puschlav, im Oberwallis, im Simmental, im Neuenburger Jura an einem See oder Fluss. Was lag näher, als unseren Buben dieses Erlebnis in einer romantischen Umgebung zu schenken, da ich ihnen diese Erinnerungen weitergeben wollte! Wie erwartet genossen die Söhne die Ferien zusammen mit anderen Familien, mit Schlafsack und der Verpflegung aus dem grossen schwarzen Kessel.

Höhepunkt war jeweils der Tag, an dem unsere Familie für das Kochen auf dem offenen Feuer zuständig war. Unser Know How war so beschränkt, dass eine befreundete Mutter plötzlich rief: „Achtung, das Küchendach brennt!“. Der souveräne Chef de famille hatte vergessen, das Feuer zu überwachen, weil er mit der Rösti in der Bratpfanne beschäftigt war. Glücklicherweise eilten uns andere Familien zu Hilfe: die grosse Katastrophe blieb aus, sodass die Ferien fortgesetzt werden konnten. Und Papa gibt sich Mühe als Küchenchef in der Feldküche.

Als Anfänger in Ostafrika: „Pieter no good“

Während des Studiums leistete ich noch einen sechswöchigen Arbeitseinsatz als Ersatzreiseleiter in Kenia, ein Abenteuer, das mich ein wenig stresste, da ich ständig zwischen Mombasa, Malindi (mit der Fähre über den Fluss) und Nairobi (Flug) pendeln musste, um Kunden abzuholen. Ohne viel Vorbereitung setzte mich der Veranstalter in ein Flugzeug, mit einem Plastiksack voller Bargeld und einem anderen voller Fleischkäse für einen Schweizer Hotelier; prompt kritzelten mir die schwarzen Immigration-Beamten eine Warnung in den Reisepass, und wohl oder übel musste ich mich in der Ankunftshalle bis auf die Unterhosen ausziehen – und dies bei der Ein- und Ausreise. Schliesslich konnte ich gestresst und total verschwitzt in letzter Minute ausreisen; die Crew wartete ungeduldig auf die Starterlaubnis. Das nächste Mal ist der Reiseleiter vorsichtiger.

Ein niederländischer Kunde fragte mich, wie viel Gepäck er auf die Safari mitnehmen solle. Da meine diesbezügliche Empfehlung wegen mangelnder Erfahrung völlig falsch lag und er daher mehrere Koffern für die Katz mitschleppte, meinte er später mehrmals: „Pieter no good“. Da gibts nichts mehr zu husten: das nächste Mal findet der Veranstalter einen versierten Reiseleiter.

Wunschtraum

Das feuchtheisse Klima an der Küste machte mir zu schaffen – ganz im Gegensatz zu den angenehmen Temperaturen im höhergelegenen Nairobi. Zu jener Zeit standen einem Zürcher Studenten viele Türen offen, wobei mir die Sprachkenntnisse zu Gute kamen. Noch lange träumte ich vom türkisfarbenen Meer mit der Badewannen-Temperatur, dem Tsavo-Park und dem Vielvölkergemisch am Indischen Ozean (mit schwarzen und weissen Menschen, Arabern und Indern). Gemäss dem Psychoanalytiker Freud wünschte ich mir diese Zeit zurück, da beim Träumen unsere geheimen Wünsche sichtbar würden. Das Reisefieber klang nur langsam ab. Auf jeden Fall hat mir die Ostafrika-Reise nicht nur einen anderen Kontinent gezeigt, sondern auch mich selber ein wenig verändert.

Heute geht die Reise nicht mehr nach Uebersee, sondern eher nach innen.

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