Das Rätsel

Es ist wertvoll, die Brüche in der Biografie zu erkennen und beschreiben.

Abbruch

Der Abbruch ist ein Symbol für die Pubertät.

Abbruch
Alles muss weg

Die Pubertät ist ein schwieriges und dunkles Kapitel. Es erwacht ein unbestimmtes Sehnen nach dem grossen Abenteuer. Der Jugendliche schlüpft in verschiedene Rollen und probiert diese wie Kleidungsstücke an. Der bekannte Kinderarzt Remo Largo meint, die wichtigste und schwierigste Phase im Leben des Menschen sei der Uebergang zum Erwachsensein: „In dieser Lebensphase haben die Jugendlichen drei grosse Herausforderungen zu bewältigen: sie lösen sich von ihren Eltern ab, sie müssen sich sozial integrieren, sie müssen eine Ausbildung machen und eine Anstellung finden“. All das sei unglaublich anspruchsvoll. 

Die Pubertät bildet den Knick in der Biografie, vergleichbar mit einer Scheidung, Verlust von Angehörigen, usw. Die Pubertät prägt das ganze Leben. Für Mädchen sind die Themen Pubertät und Ablösung andeutungsweise gezeigt im Märchen Rapunzel, die in einem Turm behütet und eingeschlossen war (Rapunzel, lass Deine Haare herunter). Dank ihrer langen Haare konnte Rapunzel dem Turm und ihrer Pflegemutter entfliehen, aber sie musste in der Freiheit viel Angst ausstehen. Der Disney-Trickfilm in 3D zeichnet die schwierigen Prüfungen des jungen Menschen farbig und deutlich. Zitat aus dem Märchen der Brüder Grimm: „Die Zauberin war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in grossem Jammer und Elend leben musste“.

„Gut Wien“

Die Pubertät war auch durch einen unbändigen Freiheitsdrang gekennzeichnet. Ich träumte von Paris, Wien, Berlin usw. Mit 16 Jahren in den Sommerferien kündigte ich meinen Eltern hinterlistig an, mit dem Fahrrad zu einem Schulkollegen im Bünderland zu fahren. Mein Ziel lag jedoch weit jenseits der Landesgrenze, als ich mich Richtung Sargans (Kanton St. Gallen) aufmachte. Während ich am Walensee mit dem Velo ein Autostrassentunnel passierte, hielt mich ein Verkehrspolizist an: „Typisch Zürcher! Velos sind hier nicht erlaubt“. Der innere Schweinehund hatte sich gesträubt, über den Berg zu fahren, ich wollte möglichst schnell über die Grenze. Kurz vor der österreichischen Grenze nutzte ich ein praktisches Angebot der Schweizerischen Bundesbahnen und gab mein Fahrrad auf, zurück nach Winterthur. Per Autostopp schaffte ich es über den Arlbergpass und bis über Innsbruck und Salzburg hinaus, Hall im Tirol und dann Mondsee. Die Strecke gegen Osten war neu und aufregend. Das Reisen passte perfekt zur unruhigen Lebensphase. Nun profitierte ich vom Transportangebot der OeBB, das wie in allen unseren Nachbarländern für die 2. Klasse relativ günstig ist. Das Reisen mit der Bahn habe ich als romantisch und frei machend empfunden. Berührt durch Fluss und Strom, Wald, Nacht, Fernweh. Nur dunkel erinnere ich mich an den alten Hauptbahnhof in Linz (viele Jahre später staunten wir dann über den modernen Neubau).

Das Ziel war Wien, wo ich in einer Jugendherberge in Hütteldorf Unterschlupf fand. Zum ersten Mal in einer wirklich grossen Stadt, die in einer anderen Klasse spielt! Zürich hat weder Ring noch Stern, und schon gar kein Schloss mit 1000 Räumen. Wien war die Millionenstadt des jugendlichen Schweizerleins. In den nächsten paar Jahren sollten die europäischen Nachbarn München, Mailand, Berlin und Paris folgen, da von Zürich aus die Züge in alle vier Himmelsrichtungen fahren. Am Frühstückstisch in der Jugendherberge hörte ich als Zaungast einer Diskussion eines Wieners und eines Berliners zu: „Wien ist besser als Berlin weil …“ oder „Berlin hat den Vorteil wegen …“. Nicht zur Debatte stand Zürich, weil ich zu schüchtern war, in die Diskussion einzugreifen. Auf dem Wiener Hauptpostamt gab ich nachts ein Telegramm an meine Eltern auf mit dem Text „Gut Wien Peter“, um nur drei Wörter bezahlen zu müssen. Das Telegramm ist wie folgt zu lesen: „Es geht mir gut, bin in Wien, Euer Peter“. Das Telegramm erreichte meine Eltern zeitgleich mit dem zurück spedierten Velo — ein glücklicher Zufall.

Beitrag mit iPhone erstellt.

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