Mein Vater und die Arbeit

Mein Vater zeigte uns Kindern wenig Emotionen, er war kaum fähig, über Gefühle zu sprechen. Trotzdem war mein Vater für mich ein grosses Vorbild, weil er mich wichtige Dinge lehrte: Zielstrebigkeit, Selbständigkeit, Arbeitswille und Arbeitseinsatz. Sein Lebensziel war, selbständig zu sein und ein eigenes Milchgeschäft zu führen. Am 18. Oktober 1955 schrieb er an die Einwohner des Vogelsang-Quartiers in der Stadt Winterthur: Als Nachfolger von Herrn Näf möchte ich Sie recht herzlich begrüssen. Als Fachmann der Milchbranche ist es mein Bestreben, im Geschäft und auf der Tour Sie stets zur vollen Zufriedenheit zu bedienen und Ihr Wohlwollen und Vertrauen in jeder Beziehung zu schätzen. Sollten mir trotzdem Fehler unterlaufen, wie dies nach menschlichem Ermessen vorkommen kann, so bitte ich Sie höflich, mir dies sofort mitzuteilen. Genehmigen Sie, sehr geehrter Konsument, die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.

15 Stunden Arbeitstag

Als Milchhändler arbeitete er mit der grössten Selbstverständlichkeit rund 15 Stunden pro Tag. Kein einziges Mal hat er sich darüber beklagt, dass er an sechs Wochentagen um 4 Uhr morgens aufstehen musste. Wenn er sich nach Mittag kurz „aufs Ohr“ legte, sagte er uns Kindern nur: „Jetzt gehe ich nach Oerlikon“. Bestimmt brauchte er nie ein Schlafmittel. Sein strengster Tag im Jahr war jeweils der Heiligabend, an dem sich die Leute für drei Tage mit Milchprodukten eindeckten. Wir Kinder konnten kaum mehr auf die Weihnachtsgeschenke warten. Wenn wir abends die Kerzen am Christbaum anzündeten, zog er erschöpft ein weisses Hemd an und feierte Weihnachten mit der ganzen Familie. Im Mitternachtsgottesdienst hat er wahrscheinlich geschlafen.

Was mich mit meinem Vater verband, waren die gemeinsamen Milchtouren am frühen Morgen und vormittags, dir zwar sehr hart waren, aber uns persönlich zusammen-schweissten. Auf der Milchtour brachten wir Milch und Milchprodukte zu unseren Kunden nachhause, im Sommer und im Winter. Der Milchmann transportierte Milchkannen von 30 und 40 lt auf einem Handwagen, später mit dem Auto, und verwendete zusätzlich eine Schöpfkanne mit Litermassen. Das Verhältnis zum Vater zeigte mir, dass man über die Arbeit kommunizieren und soziale Beziehungen herstellen kann. Für mein Leben der wichtigste Input meines Vaters!

Kronbergbahn

Ein zweiter non-verbaler Bereich, der uns näher brachte, waren die Wanderungen. Wie liebte er die Wanderungen im nahen Tösstal, im Appenzellerland, Toggenburg und Bündnerland. Ich und später auch meine Familie unternahmen zahllose Wanderungen mit meinem Vater, z.B. auf den Schauenberg, Kronberg, entlang der Thur von Wildhaus bis zur Mündung, sowie von St. Antönien aus. Die Bewegung ist für ihn und mich kennzeichnend.

Mein Vater war einfach und bescheiden, zeigte aber auch Humor und war immer bereit, uns zu helfen, wenn es eine handwerkliche Arbeit gab. Meinen Söhnen gefiel es, in Grossvaters Werkstatt zu nageln und Holz zu sägen. Mein Vater war kein Leser und kein Redner, konnte seine Liebe zu den Enkeln aber am besten beim Basteln manifestieren. Seinen Humor liess er aufblitzen, wenn er in der Talstation der Luftseilbahn meinte: „Heute ist saumässig viel Betrieb, es fahren ZWEI Seilbahnen“. Seine Liebe zu den Bergbahnen war so gross, dass er zwei Aktien der Kronbergbahn erwarb. Wenn er ausserordentlich guter Laune war, kam ein Zungenbrecher-Spruch über seine Lippen wie z.B.

Aus Seuzi,
Sagt sie,
Sei sie.

Wenn ihm jedoch etwas nicht passte, meinte er nur: „Läck mir am Gnick“.

Mein Vater Hermann

Er erfreute sich einer robusten Gesundheit. Umso mehr waren wir überrascht, als wir erste Anzeichen eines sonderbaren Verhaltens bemerkten. Beim Händeschütteln liess er meine Hand nicht mehr los, am Lavabo spielte er mit dem Wasser wie ein Kind; in unserem Badezimmer verbog er was nicht niet- und nagelfest war. Innert Wochen hatte der Hirntumor ihn besiegt. Ich hatte das Gefühl, dass er uns nicht nur zu früh, sondern vor allem viel zu schnell verlassen hatte.

Der Lieblingsspruch meines Vaters:

Hartes Brot ist nicht hart, kein Brot zu haben ist hart.

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