Ein Traum aus der Lebensmitte

Früher erinnerte ich mich am Morgen jeweils nur schwach an die Träume der vergangenen Stunden. Es gab jedoch eine Ausnahme, als ich im Alter von etwa 45 Jahren am Vormittag einen meiner Träume schriftlich festhalten konnte. Ich habe keine Ahnung, warum das so umfassend möglich war; offensichtlich träumte ich diesen Traum am frühen Morgen kurz vor dem Aufwachen. „Beim Träumen werden unsere geheimen Wünsche sichtbar“; diese Theorie von Freud wird durch neuere Studien in Frage gestellt. Gewisse Traummotive wiederholen sich jedoch immer wieder:
Wanderschuhe, Leistungsdruck, Bastelraum, Gratwanderung (weiter unten). Den Traum „Gratwanderung“ würde ich als Angsttraum bezeichnen, und nicht als Wunschtraum. Auch der Traum „Bastelraum“ hängt direkt mit einer Angst zusammen. Ob Wunsch oder Angst, am Morgen sind die Träume meist wieder weggewaschen…

Mein Traum von Sonntag, 20. August 1995, ca. 6 Uhr

Der Traum beginnt in den Flumserbergen im Kanton St. Gallen. Ich befinde mich in einer Filiale der Kantonalbank oder der Schweiz. Bankgesellschaft SBG. Es gibt eine Kolonne vor dem Schalter, viele Leute warten. Ich muss einige hundert Franken Geld einzahlen für meine Schwester, die in Griechenland wohnt. Nun bin ich an der Reihe und zeige meinen Führerausweis im schwarzen Lederetui. Der Bankbeamte wird abgelenkt, da er einen Telefonanruf erhält. Ich warte ungeduldig und gehe schliesslich ohne Quittung und ohne Beleg. Ich suche mein Auto, finde es aber nicht und gelange in einen steilen Abhang. Der Felshang ist sehr gefährlich, ich kann mich nur noch an einigen Aesten von Sträuchern festhalten. Es herrscht Absturzgefahr, ich trage jedoch die neu gekauften weinroten Wanderschuhe; die Aeste halten. Einige Meter tiefer sehe ich eine Türe im Fels. Sie lässt sich öffnen. In der Felskaverne stehen Soldaten der Schweizer Armee. Ich zeige meinen Ausweis und stelle mich vor. „Bin Ex-Soldat, ehemals Uebermittlungsdienst, EDV-Truppen“, sage ich nicht ohne Stolz. Ich bemerke, dass die Soldaten lachen, vermutlich, weil ich später am Seil mit einem ganz unbequemen Warenlift ins Tal hinunter muss. Dies ist jedoch die einzige Variante, hinauf geht es nicht mehr. Ein mulmiges Gefühl überfällt mich. Die Militärs probieren mir am Kopf eine Kiste an, mit vier Holzwänden ohne Boden. Mein Brille verschiebt sich, meine Haare oben bleiben frei. Ich denke: „Bei der Talfahrt werde ich dann frieren, wenn ich durch die Luft sause“. Die Soldaten bringen mich zu einem Offizier. Zeige wiederum meinen Führerausweis im schwarzen Etui. Nun gibt es einen Berggottesdienst in einem Raum. Ich empfange die Kommunion. Der Priester lacht mich an, er weiss, ich muss jetzt ins Tal hinunter, und wie! Plötzlich sitze ich in einer wunderbaren Bergbahn, auf Schiene, keine Luftseilbahn. Die Bergbahn ist rot bemalt und voller Leute. Sie fährt hinunter. Bei der Mittelstation sehe ich ein Skigebiet, jedoch ausser Betrieb, weil ohne Schnee. Man sieht bereits die grünen Wiesen im Tal und den Walensee. Hier endet der Traum.

Heute erscheint der Traum als äusserst seltsam und ich erkenne höchstens gewisse Eigenschaften wie Ungeduld und Abneigung bezüglich Kälte und Zugluft. Aber was bedeuten Absturzgefahr und Talfahrt? Eine Fachpsychologin schreibt dazu: Der Traum beschreibt, dass Sie Ihr Auto nicht finden. „Auto“ wird oft als „Selbst“ gedeutet – Sie könnten sich also fragen, ob Sie zu dieser Zeit damals Schwierigkeiten hatten, Ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, Ihren eigenen Weg zu finden. Bei dem Bemühen um das „Selbst“ oder den eigenen Weg gelangen Sie in eine steile Abwärtsbewegung (beruflich? privat?) … Kurz zusammengefasst: Das vorherrschende Thema dieses Traums ist meines Erachtens: den eigenen Weg finden, aus lebensfeindlichem Gebiet, das kriegerische Bereitschaft verlangt, in lebensfreundliche Umgebung und in die Gesellschaft mit vielen Menschen zurückzukehren. Das Ende des Traums könnte Frühling, Wachstum und Neuanfang bedeuten. Der Traum signalisiert mir vielleicht, dass eine gewisse Unsicherheit überwunden wird.

Wanderschuhe und Leistungsdruck

Während des ganzes Lebens begleitet mich das Traummotiv der vermissten Wanderschuhe. Im Internat hatten wir nämlich einen Schuhraum in einem Zivilschutzraum im Betonkeller eines anderen Gebäudes. Die Wanderschuhe lagen manchmal unordentlich herum; trotzdem habe ich mein Schuhpaar immer wieder gefunden. Ich hatte immer ein klein wenig Angst, die Wanderschuhe eines Tages zu vergessen oder vermissen. Exakt dieses Traummotiv begleitet mich heute noch, d.h. ich vermisse im Traum meine weinroten Wanderschuhe. Oft beobachtet man nasse Füsse, und wie ich mich ohne Schuhe entfernt habe. Welche Botschaft will die Seele uns senden?

Als ich früher unter einem starken beruflichen Leistungsdruck stand, träumte ich immer wieder, kurz vor den Matura-Prüfungen (dem Abitur) zu stehen. Die Selbstverwirklichung im Beruf war mir überaus wichtig, fast zu wichtig. Noch heute träume ich manchmal davon, eine Diplomarbeit über statistische Auswertungen fertigstellen zu müssen. Ich suche verzweifelt nach meinen Entwürfen und Unterlagen. Auch schon habe ich geträumt, dass eines meiner Manuskripte bei einem Verlag in München verschollen sei.

Bastelraum

Heute träume ich manchmal den Angsttraum, dass wir unser Reihenhaus mit dem beliebten Bastelraum verlassen müssen. Der Bastelraum im Keller ermöglicht nämlich den Rückzug in die Geborgenheit „einer Höhle“. Dieser ist fast so wichtig wie eine Einzelzelle zum freien und konzentrierten Arbeiten. Die Fachpsychologin schreibt dazu: Der Angsttraum, den Bastelraum zu verlieren, unterstreicht meines Erachtens, wie wichtig es für Sie ist, Rückzugszeiten zu haben, Zeiten zu Sammlung, Betrachtung und Konzentration. Sie könnten sich daher überlegen, wenn dieser Traum auftaucht, wie Sie noch bewusster dafür sorgen können, dass Sie sich diesen persönlichen Raum in Ihrem Alltag nehmen können.

Dieser Traum deutet auf ein gewisses Ruhebedürfnis hin, wobei die
Ruhephasen den Nährboden für neue Ideen bilden.

Gratwanderung und stabiler Untergrund

Ein Motiv, das in direktem Zusammenhang mit einer Angst steht, ist die Gratwanderung, von der ich häufig träumte. Ich fand mich auf einem Berggrat, auf unstabilem Gestein, mit dem steilen Abgrund auf der einen Seite; ich war mir bewusst, jederzeit abstürzen zu können. Dieser Traum wiederholte sich immer wieder und signalisierte, dass im Dunkel etwas verborgen war, das ich nicht einordnen konnte. Wenn die Angststörung erkannt ist, stabilisiert sich der Untergrund mehr und mehr.

Mein Bild des bedrohlichen Berggrats mit der atemberaubenden Aussicht stammt aus dem Alpstein-Gebiet, zwischen Kronberg und Jakobskapelle.

Jakobskapelle AI
Jakobskapelle Appenzell Innerrhoden

Die vertrauten Orte liegen meist in der Region Ostschweiz oder Zürich.

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